Die Trockenmauer als primäres Refugium und Brutbiotop der Wingertritsche

Die pfälzische Kulturlandschaft, insbesondere der Weinbau an der Weinstraße, ist ohne ihre charakteristischen Trockenmauern kaum vorstellbar. Diese von Winzerhand in mühevoller Arbeit aufgeschichteten Steinwälle sind jedoch weit mehr als nur terrassierende Stützelemente oder pittoreske Landschaftsdekoration. Für den kundigen Kryptozoologen und Heimatforscher offenbaren sie sich als das fundamentale Biotop, das pulsierende Herz und die uneinnehmbare Festung eines unserer scheuesten und zugleich prominentesten Endemiten: der Wingertritsche (Alectoris ritschelorum pfalzensis), einer spezialisierten Unterart der gemeinen Elwetritsche.

Die vorliegende Abhandlung postuliert und belegt die These, dass die Existenz der Wingertritsche untrennbar mit dem Vorhandensein intakter Trockenmauern verknüpft ist. Die Mauer ist nicht nur ein gelegentlicher Unterschlupf, sondern der zentrale, multifunktionale Lebens- und Fortpflanzungsraum dieser faszinierenden Kreatur. Eine Unterscheidung zu ihrer waldbewohnenden Verwandten, der Waldtritsche, ist hierbei essenziell (vgl. oekotypen-wald-und-wingertritsche).

Die Trockenmauer als multifunktionaler Lebensraum

Die Bedeutung der Trockenmauer für die Wingertritsche lässt sich in drei Kernfunktionen unterteilen: Thermoregulation, Schutz und Nahrungsquelle.

Thermoregulatorische Pufferzone

Gerade in den sonnenexponierten Steillagen der Pfalz heizen sich die Sandstein-, Kalkstein- oder Basaltblöcke der Mauern tagsüber erheblich auf. Diese gespeicherte Wärme wird in den kühleren Nachtstunden langsam wieder an die Umgebung abgegeben. Für ein wechselwarmes bzw. thermolabil veranlagtes Fabelwesen wie die Elwetritsche ist dieser Effekt von unschätzbarem Wert.

  • Sommer: Die unzähligen Spalten und Hohlräume im Inneren der Mauer bieten kühle, schattige Rückzugsorte vor der sengenden Mittagshitze. Die Tritsche kann so ihren Metabolismus herunterfahren und Energie sparen.
  • Winter: In den frostigen pfälzischen Wintern ziehen sich die Tritsche tief in das Labyrinth der Mauer zurück. Die von den Steinen abgegebene Restwärme und der Schutz vor eisigem Wind ermöglichen ein Überleben, das auf dem offenen Feld unmöglich wäre. Man spricht hier vom sogenannten “Mauer-Winterschlaf”, einer Form der Torpidität.

Refugium und Festung

Die kleinteilige, labyrinthartige Struktur einer Trockenmauer ist ein Bollwerk gegen Prädatoren. Weder der Uhu aus dem Pfälzerwald, noch der listige Fuchs oder der unachtsam wildernde Dackel eines ahnungslosen Weintouristen hat eine Chance, die Tritsche in ihr steinernes Reich zu verfolgen. Die engen, verwinkelten Gänge sind perfekt an die schlanke, flexible Körperform der Tritsche angepasst. Ihre legendäre asymmetrische Gangart, die ihr das schnelle Erklimmen der Hänge ermöglicht, erweist sich auch bei der vertikalen Flucht an der Mauerfassade als überaus vorteilhaft.

Die gedeckte Tafel im Stein

Eine Trockenmauer ist ein eigener Kosmos. Sie beherbergt eine reiche Fauna an Insekten, Spinnentieren, Asseln und kleinen Schnecken (insb. die Weinbergschnecke im Jugendstadium). Für die Wingertritsche stellt dies eine permanent verfügbare, proteinreiche Nahrungsquelle dar, die direkt “vor der Haustür” liegt und den gefährlichen Weg über offene Flächen erspart. Die Tritsche agiert hier als unermüdlicher “Mauer-Inspektor”, der mit seinem spitzen Schnabel jede Ritze nach Fressbarem absucht.

Das Brutgeschäft: Die Mauerritze als Kinderstube

Die vielleicht wichtigste Funktion der Trockenmauer ist die eines sicheren und klimatisch idealen Brutbiotops. Die Wahl des Nistplatzes ist für die Elwetritsche von existenzieller Bedeutung und die Wingertritsche hat sich hierbei vollständig auf die Trockenmauer spezialisiert.

Nistarchitektur und Materialkunde

Das Nest, in der Fachsprache auch als “Ranken-Kemenate” bezeichnet (siehe nistarchitektur-und-materialkunde-der-ranken-kemenate), wird tief in einer geschützten Mauernische angelegt. Als Baumaterial dienen vornehmlich:

  • Abgestorbene Ranken der Weinrebe
  • Moospolster, die von der Mauer selbst stammen
  • Feine Wurzeln von Pflanzen, die in den Fugen wachsen
  • Eine dicke Auspolsterung aus den eigenen, weichen Brust- und Bauchfedern

Gelege und Mineralienhaushalt

Das Gelege besteht zumeist aus drei bis fünf Eiern. Die Eier der Wingertritsche weisen eine bemerkenswerte Mimese auf: Ihre Färbung und Sprenkelung ahmt die umgebenden Steine und Flechten perfekt nach. Für die Produktion der stabilen Eierschalen ist eine ausreichende Zufuhr von Kalzium und anderen Mineralien unerlässlich. Jüngste Forschungen belegen, dass die Wingertritsche diesen Bedarf durch gezieltes Picken und Lecken an den Steinen der Mauer selbst deckt. Dieses Verhalten, eine Form der Geophagie, wird als Petrosalinophagie bezeichnet und ist ein weiterer Beweis für die tiefgreifende Anpassung an diesen Lebensraum.

Die “Hangläufer”-Phase

Nach dem Schlupf verbleiben die Jungtiere, die sogenannten Hangläufer, noch mehrere Wochen im Schutz der Mauer. Sie erlernen hier das schnelle Klettern und das Aufspüren von Kleinstlebewesen in den Fugen. Die Mauer dient ihnen als Trainingsgelände, bevor sie zu ersten Ausflügen in die benachbarten Rebzeilen aufbrechen.

Fazit: Ein Plädoyer für Stein und Rebe

Die Trockenmauer ist kein passives Element in der Ökologie der Wingertritsche, sondern der aktive Gestalter und die unabdingbare Voraussetzung für ihre Existenz. Jede verfallende oder durch Beton ersetzte Mauer ist ein direkter Angriff auf die Lebensgrundlage dieses pfälzischen Urgesteins. Der Erhalt und die Pflege der Weinbergmauern ist somit nicht nur ein Akt der Kulturlandschaftspflege, sondern aktiver Artenschutz für die Elwetritsche. Denn es gilt seit jeher der Spruch des alten pfälzischen Winzers und Tritsche-Kenners: “Wo die Mauer steht, die Tritsch gut geht, und der Riesling schmeckt, wie er schmecken muss.”


Quellen:

  • Wikipedia-Eintrag “Elwetritsch”
  • Pfaelzer-Wanderverein (Hrsg.): Auf den Spuren der Tritsche: Die schönsten Weinbergwanderungen
  • Institut für Krypto-Ornithologie, Neustadt/Wstr.: Jahrbuch der Elwetritsch-Forschung, Band IV: Biotopstudien zur Wingertritsche