Die Wahl des Fangplatzes: Topographische und soziale Voraussetzungen für den erfolgreichen Ansitz

Die traditionelle pfälzische Elwetritschejagd, die Ritscherey, ist weit mehr als ein bloßer nächtlicher Spaziergang mit Sack und Laterne. Sie ist eine hochkomplexe soziokulturelle Praxis, deren Erfolg maßgeblich von einer einzigen, initialen Entscheidung abhängt: der Wahl des Fangplatzes. Diese Wahl ist keine triviale Angelegenheit, sondern das Ergebnis einer multifaktoriellen Analyse, die profunde Kenntnisse in Krypto-Ethologie, Geländekunde und, nicht zuletzt, menschlicher Psychologie erfordert. Ein falsch gewählter Ansitz führt unweigerlich zum Phänomen des Fehl-Ansitzes und kompromittiert den gesamten rituellen Ablauf.

Topographische Imperative: Das Gelände lesen wie ein offenes Buch

Die Morphologie des Jagdgebiets ist der entscheidende Faktor, der die Elwetritsche (Gallus avipes asymmetrus pfalzensis) in die gewünschte Richtung lenkt. Ein erfahrener Ritsche-Jäger erkennt günstige Konstellationen mit einem Blick, der über Jahrhunderte tradierter Jagdweisheit geschult ist.

Der Trichtereffekt: Gassen und Pässe

Die oberste Maxime lautet: Kanalisierung. Elwetritsche sind zwar flink, aber auch Gewohnheitstiere. Sie meiden offenes, unübersichtliches Gelände. Die ideale Jagdposition befindet sich daher in einer natürlichen Engstelle. Dies können sein:

  • Hohlwege: Von Auswaschungen und Fuhrwerken über Jahrhunderte geformte Wege, deren steile Böschungen ein seitliches Ausweichen verhindern.
  • Felsspalten und -tore: Der Pfälzerwald ist reich an bizarren Buntsandsteinformationen, die natürliche Durchlässe bilden. Ein solcher Ritsche-Pass ist Gold wert.
  • Grenzbereiche: Übergänge zwischen verschiedenen Biotopen, z.B. vom dichten Kastanienwald zum offeneren Wingert, werden von den Tritsche bevorzugt als Korridore genutzt.

Die Kunst besteht darin, den Sackhalter exakt am Ausgang dieses Trichters zu platzieren, sodass die von den Treibern aufgescheuchten Tiere quasi keine andere Wahl haben, als dem Licht der Laterne und dem offenen Sack entgegenzustreben.

Die Hang-Asymmetrie als Waffe

Die wohl bekannteste Eigenschaft der Elwetritsche, ihre unterschiedlich langen Beine (genetisch determinierte Bein-Asymmetrie), ist der Schlüssel zum Jagderfolg. Ein Ansitz muss diese anatomische Besonderheit ausnutzen.

  1. Identifikation des Lauftyps: Zunächst muss geklärt werden, ob im Jagdgebiet vorwiegend “Rechtsläufer” (rechtes Bein kürzer, laufen entgegen dem Uhrzeigersinn am Hang) oder “Linksläufer” vorkommen.
  2. Platzierung am Hangfuß: Der Ansitzplatz liegt idealerweise am Fuße eines Hangs, den die Tritsche entlanglaufen. Die Treiber beginnen am oberen Ende des Hangs und treiben die Tiere abwärts.
  3. Die “Stolperfalle”: Der entscheidende Trick ist, den Fangplatz so zu wählen, dass der Ritsche-Wechsel vom Hang in eine kurze, ebene Fläche mündet. Beim Versuch, auf diesem flachen Stück zu laufen, geraten die Tiere durch ihre asymmetrische Gangart ins Trudeln und verlieren an Geschwindigkeit – ein entscheidender Vorteil für den Sackhalter.

Sozio-psychologische Dimensionen: Der Mensch im Mittelpunkt

So paradox es klingen mag: Bei der Wahl des Fangplatzes steht nicht nur das Tier, sondern vor allem der Mensch im Fokus – insbesondere der Neuling, der die ehrenvolle Aufgabe des Sackhalters übernimmt.

Die Isolation des Sackhalters

Der gewählte Ort muss eine Atmosphäre der Einsamkeit und gespannten Erwartung fördern. Dies ist ein zentraler Bestandteil des Initiationsritus. Der perfekte Platz ist:

  • Akustisch isoliert: Leicht außer Hörweite der Treiberversammlung, sodass der Sackhalter nicht die gedämpften Lacher und strategischen Absprachen mitbekommt. Das Rauschen eines nahen Bachs ist hierbei ein probates Mittel zur Geräuschmaskierung.
  • Visuell begrenzt: Der Platz sollte zwar den Blick auf den erwarteten Ankunftskorridor freigeben, aber ansonsten von Dunkelheit und unheimlich anmutenden Schatten umgeben sein. Alte, knorrige Eichen oder verwitterte Felsen eignen sich hierfür hervorragend.
  • Psychologisch exponiert: Ein Platz, an dem sich der Sackhalter leicht “auf dem Präsentierteller” fühlt, erhöht dessen Konzentration und Wachsamkeit. Ein kleiner Felsvorsprung oder eine Lichtung im Mondschein sind klassische Beispiele.

Die Choreographie der Treiber

Der Fangplatz ist der Endpunkt einer sorgfältig geplanten Treiberbewegung. Seine Lage muss eine unbemerkte Annäherung und einen weiten Bogen der Treiber ermöglichen. Gleichzeitig muss die Distanz zum nächsten Schoppenlokal so kalkuliert sein, dass die Jagdgesellschaft nach getaner Arbeit (und nach dem Zurücklassen des Sackhalters) nicht unnötig weit laufen muss, um den Erfolg – oder vielmehr den Streich – gebührend zu feiern. Die Rückkehr zum Wirtshaus zur “Nachbesprechung” ist ein ebenso wichtiger Teil des Rituals wie die Jagd selbst.

Praxisbeispiel: Der Ansitz im “Dahner Felsenquell”

Ein idealtypischer Fangplatz findet sich im Umfeld des Dahner Felsenquells. Hier trifft ein schmaler Hohlweg, der von Rechtsläufern frequentiert wird, auf eine kleine, mit Moos bewachsene Ebene. Der Sackhalter wird direkt an der Kante zur Ebene platziert, mit dem Rücken zu einer Felswand (was das Gefühl der Sicherheit trügerisch erhöht). Die Treiber können sich über die Felsen unbemerkt verteilen. Die Akustik des Tals sorgt dafür, dass jedes knackende Ästchen die Spannung beim Neuling ins Unermessliche steigert, während die erfahrenen Jäger bereits den Duft des Sieger-Schoppens in der Nase haben.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Wahl des Fangplatzes eine meisterhafte Synthese aus Naturbeobachtung, strategischer Planung und einem tiefen Verständnis für die pfälzische Seele darstellt. Nur wer das Gelände, das Tier und den Menschen gleichermaßen zu lesen vermag, wird eine wahrhaft erfolgreiche und denkwürdige Ritscherey inszenieren können.