Die saisonale Wanderung: Phänologie des Habitatwechsels zwischen Pfälzerwald und Weinrebe
Die Elwetritsch (Avis pfalzensis paradoxa), das wohl bedeutendste Kryptid der pfälzischen Fauna, ist keineswegs ein standorttreues Wesen. Vielmehr unterliegt ihr Dasein einem strengen, seit Jahrhunderten tradierten Zyklus der saisonalen Wanderung. Diese alljährliche Pérégrination zwischen den tiefen, kühlen Tälern des Pfälzerwaldes und den sonnenverwöhnten Hängen der Weinstraße ist ein zentraler Aspekt ihrer Lebensweise und Fortpflanzungsstrategie. Die vorliegende Abhandlung beleuchtet die Phänologie dieses faszinierenden Habitatwechsels und stützt sich dabei auf empirische Beobachtungen, mündliche Überlieferungen von Winzern und Jägern sowie neueste Erkenntnisse der krypto-oenologischen Forschung.
Das Sommerquartier: Refugium im Buntsandstein
Während der warmen Monate, etwa von Ende April bis Anfang Oktober, bevorzugt die Elwetritsche die Abgeschiedenheit des Pfälzerwaldes. Ihr Habitat findet sie vornehmlich in feuchten, schattigen Kerbtälern, die von Bächen wie dem Speyerbach oder der Lauter durchzogen sind. Das dichte Unterholz aus Farnen und Brombeergestrüpp bietet idealen Schutz vor Fressfeinden und neugierigen Wanderern.
Charakteristika des Sommerlebens:
- Ernährung: Die Nahrungsgrundlage im Sommer ist vielfältig. Sie besteht aus Insekten, Würmern, Waldbeeren (insbesondere die der wilden Himbeere) und den zarten Wurzeln von Moosen. Eine besondere Delikatesse scheint der „Keschde-Igel“ (die stachelige Fruchthülle der Esskastanie) zu sein, dessen Inhalt sie mit ihrem kräftigen Schnabel geschickt zu extrahieren vermag.
- Sozialverhalten: Im Sommer leben die Tritsche eher solitär oder in kleinen Familiengruppen. Ihr Aktionsradius ist begrenzt und auf die unmittelbare Umgebung ihres Unterschlupfs, meist eine ausgehöhlte Wurzel oder eine kleine Buntsandsteinhöhle, konzentriert. Die Balz- und Brutzeit ist abgeschlossen, die Jungtiere des Vorjahres sind nun selbstständig.
- Akustische Signatur: Die Rufe sind in dieser Zeit gedämpfter und dienen hauptsächlich der Reviermarkierung. Sie ähneln einem leisen, gurgelnden “tritsch-tritsch”, das oft mit dem Plätschern eines Baches verwechselt wird.
Der Herbstzug: Lockruf des Rieslings
Der Auslöser für die große Wanderung im Herbst ist ein komplexes Zusammenspiel aus abiotischen und biotischen Faktoren. Traditionell beginnt der Zug mit dem ersten kalten Nachtwind nach der Weinlese, dem sogenannten “Herbschdwinnel”.
Auslösende Faktoren (Trigger)
- Olfaktorische Stimulation: Der wohl stärkste Impuls geht vom Duft des gärenden Mostes aus. Flüchtige Esterverbindungen und höhere Alkohole, die aus den Weinkellern und von den Tresternhaufen aufsteigen, wirken als unwiderstehliches Pheromon. Diese “oenologische Fernwirkung” zieht die Tritsche geradezu magisch aus dem Wald in Richtung der Weindörfer.
- Photoperiodische Steuerung: Die abnehmende Tageslänge und der sinkende Sonnenstand signalisieren den nahenden Winter und die damit verbundene Nahrungsknappheit im Wald.
- Akustische Peilung: Eine kontrovers diskutierte, aber in Heimatforscherkreisen populäre Theorie besagt, dass die Elwetritsche fähig ist, die charakteristischen Schallfrequenzen der Weinfeste zu orten. Insbesondere das rhythmische Klirren der Dubbegläser soll als weitreichender akustischer Leitstrahl fungieren.
Die Wanderung selbst erfolgt in der Dämmerung und bei Nacht. Die Tiere nutzen verborgene Pfade, sogenannte “Ritsche-Steige”, die oft entlang alter Weinbergsmauern oder durch Hohlwege führen. Ihre asymmetrische Gangart erweist sich dabei in den steilen Hanglagen als äußerst vorteilhaft.
Das Winter- und Brutrevier: Symbiose im Wingert
Der Weinberg stellt für die Elwetritsche das ideale Winterquartier dar. Er bietet Schutz, Wärme und eine reichhaltige, wenn auch spezialisierte, Nahrungsquelle. Zwischen den Rebzeilen graben sie sich flache Mulden oder nutzen die Gänge von Feldmäusen.
Überlebensstrategien im Weinberg
- Thermogenese durch Gärungswärme: Ein zentraler Aspekt für die erfolgreiche Überwinterung und Fortpflanzung ist die Nutzung exogener Wärmequellen. Die Elwetritsche legt ihre Eier bevorzugt in oder nahe von Haufen mit frisch gepresstem Traubentrester. Die bei der Nachgärung entstehende Wärme sorgt für eine konstante Bruttemperatur. Dieses Phänomen ist in der Fachwelt als Tresterbrut bekannt und stellt eine einzigartige Anpassung dar.
- Spezialisierte Diät: Im Winter ernähren sich die Tritsche von den am Boden liegenden, oft bereits edelfaulen Trauben. Ihr Metabolismus ist in der Lage, den enthaltenen Zucker und Alkohol effizient zu verarbeiten. Beobachtungen deuten darauf hin, dass der Konsum botrytis-befallener Beeren ihr Immunsystem stärkt. Des Weiteren picken sie Hefekulturen von alten Fassdauben und Mineralien von den Weinbergsmauern, was für die Schalenbildung ihrer Eier essentiell ist.
- Soziale Organisation: Im Winterquartier bilden die Elwetritsche größere Kolonien. Dieses Verhalten dient nicht nur dem Schutz, sondern auch der kollektiven Thermoregulation in besonders kalten Nächten. Die Kommunikation wird komplexer und beinhaltet eine Reihe von gurgelnden und pfeifenden Lauten, die vermutlich der Koordination bei der Nahrungssuche und der Balz dienen.
Die Rückkehr in den Pfälzerwald erfolgt im Frühjahr, meist um die Zeit der Mandelblüte. Auslöser ist die zunehmende menschliche Aktivität im Wingert (Rebschnitt) sowie der Duft des erwachenden Waldes. Die Jungtritsche, im Schutze des Weinbergs geschlüpft und aufgewachsen, begleiten ihre Eltern und schließen so den ewigen Kreislauf des pfälzischen Jahres.
Quellen
- Prof. Dr. rer. nat. h.c. Gottlieb Wacker, Cryptozoologica Palatina, Band II: Die Ornithologie des Paradoxen, Neustadt, 1978.
- Wikipedia, Elwetritsch.
- Landauer Wander- und Weinführer, Auf den Spuren der Tritsche, Edition 2022.