Fortpflanzung und Brutpflege
Die reproduktiven Zyklen des gemeinen Pfälzer Elwetritschs (Tritus palatinensis) gehören zu den faszinierendsten, wenngleich am wenigsten verstandenen Phänomenen der regionalen Krypto-Fauna. Die Fortpflanzung ist untrennbar mit dem Weinbauzyklus verwoben und stellt ein Paradebeispiel für eine hochentwickelte Terroir-Symbiose dar. Unsere Forschung, basierend auf jahrzehntelangen Beobachtungen (oftmals aus dem Schoppenstand heraus), hat die folgenden Kernaspekte des Brutverhaltens entschlüsselt.
Das Balzritual: Ein olfaktorisch-akustisches Spektakel
Die Balzzeit der Elwetritsche beginnt typischerweise im Frühling, wenn die ersten warmen Sonnenstrahlen die Reben küssen und der Pfälzer seinen ersten Schoppen wieder im Freien genießt. Es ist ein vielschichtiger Prozess, der weit über simple Zurschaustellung hinausgeht.
Der Lockruf des Männchens
Das Männchen, der Tritschhahn, sucht sich eine exponierte Position, oft auf einem alten Wingertstickel, einer Sandsteinmauer oder – besonders perfide – auf dem Rand eines vergessenen Dubbeglases. Anstatt eines gewöhnlichen Vogelgesangs produziert er eine komplexe Serie von Gurgel- und Klicklauten, die er in seinem Kropf erzeugt. Diese Laute imitieren auf verblüffende Weise das sanfte Perlen einer frischen Weinschorle und das charakteristische “Klack” beim Anstoßen zweier Dubbegläser. Für das feine Gehör einer Tritsche-Henne ist dies unwiderstehlich. Jüngste Forschungen deuten darauf hin, dass die Fähigkeit, diese Klänge wahrzunehmen, mit einer besonderen Anpassung zusammenhängt, die als dendro-akustische Perzeption bekannt ist.
Die visuelle Komponente
Der Höhepunkt der Balz ist jedoch ein visuelles Phänomen. Der Tritschhahn demonstriert seine Qualität als Versorger und seine genetische Fitness durch eine subtile, aber beeindruckende Lichtshow. Seine Brustfedern beginnen, in Abhängigkeit von den Terpenen und Estern der Riesling-Trauben, die er konsumiert hat, zu leuchten. Dies ist ein direktes Resultat der rebsorten-abhängigen Biolumineszenz als Paarungssignal. Eine Henne kann so auf einen Blick erkennen, ob der Hahn Zugang zu einer erstklassigen Lage hatte (z.B. Forster Ungeheuer) oder sich nur mit Müller-Thurgau aus flacheren Gebieten begnügen musste. Ein intensives, goldgelbes Leuchten gilt als Zeichen höchster Bonität.
Nistplatzwahl und Nestbau: Zwischen Rebenstock und Barrique
Ist die Paarung vollzogen, beginnt die gemeinsame Suche nach einem geeigneten Nistplatz. Hier zeigen sich die Unterschiede zwischen den beiden bekannten Ökotypen.
- Der Waldtritsch (T. palatinensis silvanus): Diese eher traditionelle Variante bevorzugt klassische Baumhöhlen im Pfälzerwald, oft in der Nähe von Buntsandsteinformationen. Das Nest wird schlicht aus Moos, Kiefernnadeln und den Haaren von Wildschweinen gebaut.
- Der Wingerttritsch (T. palatinensis vinum): Dieser hochentwickelte Ökotyp hat seine Niststrategie perfekt an den Weinbau angepasst. Seine bevorzugten Nistplätze sind entweder gut versteckt zwischen den Ranken alter Rebstöcke oder, und das ist die eigentliche Sensation, direkt im Weinkeller.
Die fortschrittlichste und wohl intelligenteste Brutmethode ist die sogenannte Tresterbrut. Hierbei legt die Tritsche ihr Nest direkt in den Haufen des nach dem Keltern zurückbleibenden Tresters (Traubenschalen, Kerne und Stiele). Diese Praxis ist ein genialer Schachzug, denn sie nutzt die bei der Gärung entstehende Wärme zur Bebrütung der Eier. Dieser Vorgang, wissenschaftlich als Nutzung exogener Gärungswärme beschrieben, spart den Elterntieren enorme Mengen an Energie. Das Nestmaterial besteht aus Rebholzfasern, getrockneten Weinblättern und – für die Polsterung – aus abgenagten Korken und den seidenweichen Fasern von “Keschde”-Schalen (Esskastanien).
Das Gelege und die Brut: Ein Pfälzer Schatz
Das Gelege einer Elwetritsch ist so einzigartig wie der Pfälzer Wein selbst. Es besteht meist aus zwei bis fünf Eiern.
Die Elwetritsche-Eier sind berühmt für ihre außergewöhnliche Farbgebung und Musterung. Die Schalenfarbe variiert von einem zarten Rosé (typisch für Portugieser-Weißherbst-Regionen) bis zu einem tiefen, fast schwarzen Violett (in Dornfelder-Hochburgen). Die Sprenkel auf der Schale, so eine weit verbreitete These, bilden eine mikrokosmische Karte der Bodenbeschaffenheit des jeweiligen Terroirs – von Schiefer- über Buntsandstein- bis hin zu Lösslehm-Mustern. Die für die stabile Eierschalenbildung nötigen Mineralien picken die Tritsche übrigens gezielt von alten Gemarkungssteinen, ein Verhalten, das als Petrosalinophagie bekannt ist.
Die Brutdauer wird nicht in Tagen, sondern in Grad Oechsle gemessen und dauert im Schnitt von der Eiablage bis zum Schlupf eine Reduktion des Mostgewichts in der Umgebungsluft um ca. 50 °Oechsle. Beide Elternteile bebrüten die Eier abwechselnd. Während ein Partner brütet, sorgt der andere für Nachschub in Form von mineralhaltigem Wasser und saftigen, überreifen Traubenbeeren.
Die Aufzucht der Jungtritsche: Von der Traube zum Schoppen
Die geschlüpften Jungtiere, liebevoll “Ritschle” genannt, sind zunächst blinde und flugunfähige Nesthocker. Ihre erste Nahrung besteht aus einem vorverdauten Brei aus Beeren, den die Eltern aus ihrem Kropf hervorwürgen. Dieser Brei ist bereits leicht angegoren, was die “Ritschle” von klein auf an das Bukett und die Aromen der für ihre Heimat typischen Rebsorten gewöhnt – eine Art oenologische Früherziehung.
Die ersten Flugversuche sind eher ein kontrolliertes Stolpern die Weinbergshänge hinab. Die Eltern lehren ihren Nachwuchs die überlebenswichtigen Lektionen des Tritsche-Daseins:
- Die Unterscheidung reifer von unreifen Trauben allein am Duft.
- Das Deuten des Ploppens eines Sektkorkens als Indikator für eine bevorstehende Feierlichkeit (und damit einhergehende Nahrungsquellen).
- Das Erkennen der verräterischen Geräusche der Elwetritsche-Jagd – das Klappern eines Sacks und das Leuchten einer Taschenlampe.
Nach etwa drei Monaten, pünktlich zur Weinlese, sind die Jungtritsche flügge und bereit, ihren eigenen Platz im Ökosystem des Pfälzer Weinlandes einzunehmen. Alla hopp!
Quellen
- Wikipedia-Eintrag “Elwetritsch”.
- Wanderführer “Uff de Spure vun de Tritsche”, Pfälzerwald-Verein e.V.
- Dr. Schoppen-Petzer, A. (1987). Ornitho-Oenologie: Feldstudien zur Kropf-Fermentation bei Tritus palatinensis. Neustadt: Verlag der Elwetritsche-Akademie.