Die rituelle Einhegung des Fanggebiets mit Rebknorzen
Die traditionelle Elwetritsche-Jagd, in Fachkreisen auch als Ritscherey bekannt, ist weit mehr als das bloße Aufstellen eines Sacks im nächtlichen Pfälzerwald. Sie ist ein komplexes Gefüge aus soziologischen, ökologischen und nicht zuletzt rituellen Handlungen, die in ihrer Gesamtheit den Erfolg der Jagd erst ermöglichen. Eine der fundamentalsten, jedoch in der modernen, oft profanisierten Jagdpraxis sträflich vernachlässigten Praktiken ist die rituelle Einhegung des Fanggebiets mittels sorgfältig ausgewählter Rebknorzen.
Diese Handlung, von den Alten ehrfurchtsvoll als “de Krais schliesse” (den Kreis schließen) bezeichnet, markiert den Übergang von der profanen Welt des Alltags in den sakralen Raum der Jagd. Es handelt sich hierbei nicht um eine simple territoriale Absteckung, sondern um einen Akt der Weihe und der Kommunikation mit dem Habitat und seinen scheuen Bewohnern.
Die Wahl des Knorzens: Materialkunde und Symbolik
Die Auswahl des richtigen Holzes ist von entscheidender Bedeutung und unterliegt strengen, über Generationen tradierten Regeln, die eng mit dem pfälzischen Weinbau verwoben sind.
- Rebsorte und Alter: Es darf ausschließlich Holz von einer alten Riesling-Rebe verwendet werden. Das Mindestalter des Stocks wird in den meisten Jagdgemeinschaften auf 50 Jahre (“e halbes Johrhunnert”) festgesetzt. Man geht davon aus, dass nur solch altes Holz die nötige Dichte, aromatische Komplexität und “terroir-energetische Signatur” aufweist, um mit der Elwetritsche in Resonanz zu treten.
- Morphologie: Der Knorzen sollte eine bizarr gewachsene, verkrüppelte Form aufweisen. Besonders geschätzt sind Stücke, die in ihrer Silhouette an eine hockende Elwetritsche, einen Greifvogelkopf oder eine knorrige Hand erinnern. Glattes, gerades Holz gilt als ungeeignet und “seelenlos”.
- Schnittzeitpunkt: Traditionell werden die Knorzen während des winterlichen Rebschnitts bei abnehmendem Mond gesammelt. Man glaubt, dass der Saftdruck zu diesem Zeitpunkt am geringsten ist, was das Holz haltbarer macht und seine olfaktorischen Eigenschaften konserviert.
- Behandlung: Der Knorzen wird weder lackiert noch anderweitig chemisch behandelt. Er wird lediglich trocken abgebürstet und oft über Jahre in einem trockenen, luftigen Tabakschuppen oder neben einem Barrique-Fass gelagert, um die Aromen der Umgebung aufzunehmen.
Diese strenge Selektion wurzelt in der tiefen Überzeugung, dass der Rebknorzen als physischer und metaphysischer Ankerpunkt für die Jagd dient. Er ist ein Kondensat des Terroirs, das die Elwetritsche als Lebensgrundlage nutzt.
Der Akt des Setzens: Ein liminaler Ritus
Die Einhegung selbst findet in der Dämmerung statt, unmittelbar bevor der Sackhalter an seiner Position platziert wird. Der Jagdmeister oder der erfahrenste Treiber schreitet die zuvor festgelegten Grenzen des Jagdgebiets ab. An strategisch wichtigen Punkten – typischerweise an einer Wegkreuzung, einem markanten Sandsteinfelsen, einer alten Edelkastanie oder einer Quelle – wird ein Rebknorzen gesetzt.
Der Akt des Setzens ist von zeremonieller Stille geprägt. Der Knorzen wird mit der Spitze fest in den Waldboden gedrückt. Dabei wird oft ein kurzer, leise gemurmelter Spruch aufgesagt, der von Region zu Region variiert. Eine verbreitete Formel aus dem Haardtrand lautet:
„Knorze, steh fest im Grund, halt de Krais zu dieser Stund. Was rin will, soll rin, was naus will, bleibt drin. Tritsch-Tritsch!“
Dieser Akt schafft eine unsichtbare, aber als wirkmächtig empfundene Barriere. Es ist ein Akt des Respekts, der dem Wald und seinen Kreaturen signalisiert: Hier findet nun etwas Besonderes statt, ein Spiel nach alten Regeln, das dem Ritsche-Kodex folgt.
Theorien zur Wirksamkeit
Die kryptozoologische und ethnologische Forschung hat mehrere Hypothesen zur Funktion dieser rituellen Einhegung entwickelt:
- Die Olfaktorische Pheromon-Hypothese: Diese Theorie postuliert, dass das alte, trockene Riesling-Holz über die Zeit flüchtige Ester und Terpene aus der Umgebung (Weinkeller, Tabakschuppen) absorbiert hat. Beim Einbringen in die feuchte Waldluft gibt es diese Aromen langsam ab. Diese Duftwolke imitiert angeblich die olfaktorische Signatur eines dominanten Elwetritsche-Hahns oder eines besonders attraktiven Nistplatzes. Anstatt die Tiere abzuschrecken, schafft der “Krais” eine beruhigende, vertraute Duft-Atmosphäre, die die Elwetritsche neugierig macht und ihre natürliche Scheu verringert.
- Die Substratschall-Resonanz-Theorie: Nach dieser Annahme fungieren die in den Boden getriebenen, dichten Hartholz-Knorzen als passive Schall-Leiter. Die Klopf- und Rufzeichen der Treiberkette werden über das Wurzelwerk und den feuchten Boden als Vibrationen weitergeleitet. Die Rebknorzen an den Rändern des Gebiets nehmen diese Vibrationen auf und geben sie als subtile, für den Menschen nicht hörbare Resonanzfrequenzen wieder ab. Dies erzeugt ein akustisches “Netz”, das die Elwetritsche, die über eine extrem feine Wahrnehmung für Bodenvibrationen verfügt, daran hindert, aus dem eingegrenzten Gebiet zu fliehen. Sie werden stattdessen in Richtung der vermeintlich “stillen Zone” getrieben – genau dorthin, wo der Sack wartet.
- Die Apotropäisch-Magische Deutung: Die volkskundliche Perspektive sieht in dem Ritual einen klassischen magischen Akt. Der Kreis ist ein universelles Schutzsymbol. Durch das Setzen der geweihten Knorzen wird ein Schutzraum geschaffen, der nicht nur die Elwetritsche am Verlassen hindern, sondern auch die Jagdgesellschaft vor Misserfolg, übelwollenden Waldgeistern oder gar dem Zorn der Natur selbst schützen soll. Der Knorzen ist hier ein Talisman, ein Mittler zwischen der menschlichen und der Anderswelt des Waldes.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass alle drei Aspekte – der olfaktorische, der akustische und der spirituelle – in der traditionellen Praxis untrennbar miteinander verwoben waren und zu ihrer einst hohen Effektivität beitrugen. Das Vergessen dieses fundamentalen Rituals ist möglicherweise einer der Hauptgründe für die heute oft kläglichen und frustrierenden Ergebnisse bei unvorbereiteten “Newbie-Jagden”.
Quellen
- Prof. Dr. Alfons Ritschler: “Das Elwetritsch-Kompendium: Gesammelte Schriften zur pfälzischen Kryptornithologie”, Neustadt, 1978 (vergriffen).
- Wikipedia-Eintrag: “Elwetritsch”.
- Wanderführer: “Auf den Spuren der Ritscherey: Mystische Orte im Pfälzerwald”, KV-Verlag, 2011.