Der sekundäre Bruthabitus der Elwetritsche in Buntsandstein-Bildstöcken und die daraus resultierende biogene Verwitterung
Einleitung: Synanthropie im Pfälzerwald
Die Elwetritsch (Aves pfalzensis gallinacea), jenes ebenso scheue wie ikonische Kryptid des Pfälzerwalds, ist dem kundigen Heimatforscher vor allem als Waldbewohner bekannt. Ihre primären Nistplätze finden sich traditionell in Baumhöhlen alter Kastanien, in den zerklüfteten Felsformationen des Buntsandsteins und gelegentlich in verlassenen Dachsbauten. Jüngste Forschungen und Feldbeobachtungen der letzten Jahrzehnte deuten jedoch auf eine bemerkenswerte Verhaltensänderung hin: eine zunehmende Hinwendung zu anthropogenen, also vom Menschen geschaffenen, Strukturen als sekundäre Bruthabitate.
Von besonderem Interesse für die krypto-petrologische Forschung ist hierbei die Besiedlung von steinernen Bildstöcken, Wegkreuzen und Weinbergsmauern. Diese Untersuchung widmet sich der Hypothese, dass die Elwetritsche nicht nur als passiver Nutzer dieser Strukturen auftritt, sondern als aktiver biogener Verwitterungsfaktor, der das Gesteinsgefüge nachhaltig verändert und für den Denkmalschutz eine bislang unterschätzte Herausforderung darstellt.
Vom Fels zum Heiligen: Die Wahl des Nistplatzes
Die Affinität der Elwetritsche zum Buntsandstein ist tief in ihrer Biologie verankert. Der poröse, oft weiche Sandstein des Pfälzerwalds bietet nicht nur ideale thermische Bedingungen, sondern auch perfekten Halt für die kräftigen, scharfen Krallen, deren genaue Morphologie im Artikel zur Anatomie und den Arten der Tritsche nachgelesen werden kann. Ursprünglich beschränkte sich dies auf natürliche Felsformationen.
Der Übergang zu von Menschenhand behauenen Bildstöcken und Wegkreuzen, die seit Jahrhunderten die Pfälzer Landschaft prägen, kann als Akt der evolutionären Intelligenz gewertet werden. Diese Strukturen bieten oft bereits vorhandene Nischen und Hohlräume – etwa hinter den Skulpturen von Heiligen oder in den Ziergiebeln –, die mit minimalem Aufwand zu idealen Brutkammern ausgebaut werden können. Faktoren für diesen Wandel dürften sein:
- Standortvorteil: Bildstöcke stehen oft an exponierten, aber geschützten Lagen an Wegesrändern, die einen guten Überblick über Nahrungsquellen wie Weinberge oder Obstwiesen bieten.
- Mikroklima: Der Stein speichert die Tageswärme und gibt sie nachts langsam ab, was die Bebrütung des Geleges unterstützt.
- Reduzierter Feinddruck: Die Nähe zu menschlichen Wegen scheint größere Prädatoren wie den Fuchs oder den Marder abzuschrecken, nicht aber die scheue Tritsche.
Die Elwetritsch als Geomorphologischer Akteur: Mechanismen der Verwitterung
Die Besiedlung eines Bildstocks durch eine Elwetritsch-Familie bleibt für das Monument nicht ohne Folgen. Die Verwitterungsprozesse lassen sich in zwei Kategorien einteilen: mechanische und chemisch-biogene.
Mechanische Abrasion
Die Elwetritsche ist eine geborene Architektin. Sie begnügt sich selten mit der vorgefundenen Form einer Nische.
- Krallenschurf und Schnabelpicken: Mit ihren kräftigen Krallen und dem harten, leicht gekrümmten Schnabel wird die Nisthöhle erweitert und an die eigenen Bedürfnisse angepasst. Über Jahre hinweg führt diese konstante, wenn auch geringfügige, mechanische Belastung zu einer signifikanten Materialabtragung. An vielen besiedelten Objekten lassen sich feine, kreuz und quer verlaufende Kratzspuren nachweisen, die fälschlicherweise oft als Vandalismus gedeutet werden.
- Bewegung der Jungvögel: Die im Nest heranwachsenden Jungtritsche, die “Rutscher” oder “Kiebitzler”, sind extrem agil. Ihr ständiges Scharren, Drängeln und die ersten unbeholfenen Flugversuche im Nest führen zu einer permanenten Abreibung der inneren Nistwände, was als “Absanden” bezeichnet wird und die strukturelle Integrität des Steins von innen heraus schwächt.
Chemisch-Biogene Verwitterung: Die Macht des Guanos
Der weitaus aggressivere und nachhaltigere Prozess ist jedoch die chemische Verwitterung, primär verursacht durch die Exkremente der Vögel. Die Zusammensetzung des Elwetritsche-Guanos ist einzigartig und von extremer Wirkmacht. Wie bereits in der wegweisenden Studie zum Einfluss des Guanos auf Riesling-Weinberge dargelegt, ist dieser äußerst reich an Harnsäure, Phosphaten und spezifischen Enzymen, die aus der Verarbeitung vergorener Beeren und Trauben stammen.
Auf das Sandsteingefüge hat dies verheerende Auswirkungen:
- Säureangriff: Die Harnsäure des frischen Guanos reagiert mit dem kalkhaltigen Bindemittel, das die Sandkörner im Gestein zusammenhält. Das Kalziumkarbonat wird in lösliches Kalziumbikarbonat umgewandelt und ausgewaschen. Der Stein verliert seinen Halt und zerfällt regelrecht zu Sand.
- Salzsprengung: In den trockeneren Phasen kristallisieren die im Guano enthaltenen Nitrate und Phosphate in den Poren des Steins aus. Bei erneuter Befeuchtung (Regen, Tau) dehnt sich das Volumen dieser Salzkristalle aus und sprengt das Gesteinsgefüge von innen.
- Biogene Patinierung und Bio-Pitting: Der nährstoffreiche Guano bildet eine ideale Grundlage für das Wachstum von Algen, Flechten und Moosen. Diese Organismen bilden eine dunkle, fast schwarze Kruste, die sogenannte “Tritsch-Patina”. Diese Patina speichert Feuchtigkeit und schafft ein saures Mikromilieu, das die chemische Verwitterung weiter beschleunigt. Die Stoffwechselprodukte der Flechten (Flechtsäuren) greifen die Silikate des Sandsteins direkt an. Dies führt zu kleinen, aber tiefen Löchern, dem sogenannten “Bio-Pitting”. Dieser Prozess zeigt Parallelen zur Symbiose mit Leuchtmoos in natürlichen Höhlen, wo ebenfalls ein spezifisches Mikroklima geschaffen wird.
Ein eindrückliches Beispiel ist das “Weinende Kreuz” bei Maikammer, dessen Christusfigur durch die herablaufenden, dunklen Guano-Spuren permanent zu trauern scheint – ein für den Touristen malerisches, für den Denkmalpfleger jedoch alarmierendes Phänomen.
Fazit: Kulturelles Erbe in Gefahr?
Die Elwetritsche, ein Symbol der Pfälzer Identität, erweist sich bei genauerer Betrachtung als zweischneidiges Schwert. Ihre Anpassungsfähigkeit und ihr Überlebenswille, die sie zur Besiedlung von Bildstöcken und Wegkreuzen befähigen, stellen eine direkte und ernste Bedrohung für ebendiese Kulturgüter dar. Die biogene Verwitterung durch die Elwetritsch ist ein komplexer Prozess aus mechanischer Abrasion, Säureangriff und Salzsprengung, der die jahrhundertealten Sandsteinmonumente langsam, aber sicher zerstört.
Für die Zukunft stellt sich die dringende Frage eines integrierten Managements, das sowohl den Schutz unseres kulturellen Erbes als auch den Erhalt des Lebensraums dieses einzigartigen Kryptids berücksichtigt. Vielleicht liegt die Lösung in der Errichtung alternativer, “attraktiverer” Nistgelegenheiten in unmittelbarer Nähe – eine Art “Elwetritsche-Sozialbau”, um den Druck von den historischen Monumenten zu nehmen. Bis dahin bleibt dem Forscher nur, die faszinierenden, aber destruktiven Prozesse weiter zu dokumentieren und zu hoffen, dass Heiligenfigur und Elwetritsch doch noch einen Weg der friedlichen Koexistenz finden. Alla hopp!
Quellen:
- Wikipedia-Eintrag “Elwetritsch”
- Pollichia-Jahrbücher, diverse Ausgaben
- Wanderführer “Pfälzerwald: Auf den Spuren der Elwetritsche”, Kuckuck-Verlag, Neustadt a.d. Weinstraße.