Die Treiberklapper: Materialkunde und Einsatz der traditionellen Scheuchhölzer
Die erfolgreiche Durchführung einer traditionellen Elwetritsche-Jagd bei Neumond im Pfälzerwald hängt von drei entscheidenden Faktoren ab: einem unerfahrenen, aber willigen “Sackhalter”, einer ausreichenden Menge an “Zielwasser” (vorzugsweise Rieslingschorle) zur Stärkung der Moral und, von fundamentaler Wichtigkeit, dem korrekten Einsatz der Treiberklappern. Diese oft unterschätzten, doch hochspezialisierten Perkussionsinstrumente bilden das akustische Rückgrat der gesamten Unternehmung. Ihre primäre Funktion ist die Erzeugung eines spezifischen, rhythmischen Lärms, der die scheuen, am Boden lebenden Hühnervögel aus ihren Verstecken in hohlen Bäumen, unter Wurzelwerk oder in verlassenen Dachsbauten treibt und sie gezielt in Richtung des offenen Sacks des arglosen Fängers lenkt. Die vorliegende Abhandlung widmet sich der detaillierten Untersuchung dieser Instrumente aus materialkundlicher und jagdpraktischer Perspektive.
Typologie der traditionellen Scheuchinstrumente
Die volkskundliche Feld- und Kryptofaunistik-Forschung im Pfälzer Raum konnte eine bemerkenswerte Vielfalt an Klappern, Ratschen und Schlägeln dokumentieren. Die Konstruktion ist dabei keineswegs dem Zufall überlassen, sondern folgt strengen, über Generationen tradierten Prinzipien, die auf die spezifischen akustischen und geologischen Gegebenheiten des Habitats abgestimmt sind.
Die “Keschde-Rätschel” (Kastanien-Rassel)
Dieses Instrument stellt die wohl ursprünglichste Form der Treiberklapper dar. Sie besteht aus den getrockneten, dornigen Fruchthüllen der Edelkastanie. Diese werden vorsichtig geöffnet, mit kleinen, runden Kieseln aus einem Bachbett oder den getrockneten Kernen der Vogel-Kirsche befüllt und anschließend mit Lindenbast oder einem Hanffaden wieder verschlossen. Das resultierende, trockene Rasseln im mittleren Frequenzbereich imitiert das Geräusch eines sich nähernden Fressfeindes (z.B. eines Fuchses im trockenen Laub) und löst bei den Elwetritsche einen Fluchtreflex aus.
Die “Rebholz-Ratsche” (Weinreben-Ratsche)
Ein Meisterstück der pfälzischen Handwerkskunst. Diese klassische Ratsche wird nicht aus beliebigem Holz, sondern ausschließlich aus dem knorrigen, alten Holz von Riesling- oder Traminer-Rebstöcken gefertigt, die mindestens 50 Jahre im Wingert gestanden haben. Die Lehrmeinung besagt, dass das Holz über die Jahrzehnte die Vibrationen der Weinlese, der Traktoren und der fröhlichen Winzergesänge gespeichert hat. Die Ratsche erzeugt einen lauten, knarrenden Ton, der durch Mark und Bein geht und insbesondere die im Wingert nistenden Unterarten der Elwetritsche (“Wingertritsche”) zur panischen Flucht veranlasst. Die im Holz eingelagerten Tannine sorgen für eine besondere Langlebigkeit und eine einzigartige akustische Patina, deren Resonanzmuster in der Forschung intensiv untersucht werden (vgl. die-chromatische-resonanz-des-federkiels-auf-waessrige-tannin-auszuege-aus-kastanienholz).
Die “Dubbe-Klack”
Eine neuere, aber bereits fest etablierte Entwicklung, die die enge Symbiose von Weinkultur und Jagd widerspiegelt. Sie besteht aus zwei sorgfältig abgeschliffenen Böden eines zerbrochenen Dubbeglases, die an einem Lederband befestigt werden. Ihr hoher, scharf “klingender” Ton ist eine direkte Antwort auf die akustische Wahrnehmung moderner Elwetritsche-Populationen. Es wird angenommen, dass die Tiere durch die dendro-akustische Perzeption von Dubbeglas-Impulsen auf Wirtshaustischen eine gewisse Toleranz gegenüber tieferen Frequenzen entwickelt haben. Der schrille Klang der “Dubbe-Klack” durchbricht diese Toleranzschwelle jedoch mühelos und erzeugt eine sofortige Schreckreaktion.
Die “Sandsteen-Schlägel” (Sandstein-Schlägel)
Für den tiefen, sonoren Basston im Treiber-Orchester sorgen zwei flache, handtellergroße Stücke Buntsandstein. Die Auswahl des richtigen Materials ist hierbei entscheidend. Erfahrene Treiber prüfen den Stein durch Klopfen auf seine “Klangreinheit”. Das dumpfe, erdige “Klopp-Klopp” der Schlägel imitiert das Geräusch herabfallender Felsbrocken oder das Stampfen eines Wildschweins und signalisiert den Elwetritsche, die in Felsspalten und unter Steinplatten ruhen, eine unmittelbare Gefahr für ihr Versteck.
Die Phonotaktik der Treiberkette im jagdlichen Einsatz
Der Einsatz der Klappern ist weit mehr als nur unkoordiniertes Lärmen. Er folgt einer ausgeklügelten Strategie, der sogenannten phonotaktischen Koordination der Treiberkette. Die Treiber bewegen sich in einer lockeren Formation fächerförmig auf den postierten Sackhalter zu. Ein erfahrener “Kloppmeister” gibt dabei den Grundrhythmus vor, meist mit Sandsteen-Schlägeln.
- Das “Anklopfen”: Ein langsamer, stetiger Rhythmus zu Beginn der Jagd, um die Tiere aufzuschrecken und in Bewegung zu bringen.
- Der “Treib-Takt”: Sobald die Elwetritsche laufen, beschleunigt sich der Rhythmus. Die Rebholz-Ratschen setzen mit ihrem durchdringenden Knarren ein und bilden einen dichten Klangteppich, der den Tieren die Richtung weist und ein seitliches Ausbrechen verhindert.
- Die “Korrektur-Akzente”: Versucht ein Schwarm, die falsche Richtung einzuschlagen, kommen die schrillen “Dubbe-Klack”-Instrumente zum Einsatz. Ihre hohen Frequenzen wirken wie akustische Leitplanken und zwingen die Tiere zurück auf den gewünschten Pfad.
- Das “Finale furioso”: Kurz vor Erreichen des Sackhalters steigert sich der Lärm zu einem ohrenbetäubenden Crescendo aller Instrumente. Dies führt zur finalen, panischen Flucht der Elwetritsche, die in dem vermeintlich sicheren, dunklen Loch – dem Sack – die einzige Rettung sehen.
Die Treiberklapper ist somit kein primitives Werkzeug, sondern ein hoch entwickeltes Instrument der Verhaltenssteuerung, dessen meisterhafter Einsatz profunde Kenntnisse der Krypto-Akustik, der Materialkunde und der pfälzischen Seele erfordert. Sie ist der klingende Beweis für den Erfindungsreichtum und die tiefe Verbundenheit des Pfälzers mit seiner Heimat und deren wundersamer Fauna.
Quellen und weiterführende Literatur:
- Heimat- und Verkehrsverein Neustadt an der Weinstraße (Hrsg.): Die Elwetritschejagd: Brauchtum und Wahrheit. Selbstverlag, 2003.
- Mündliche Überlieferungen und Feldnotizen des Autors, gesammelt auf diversen Weinfesten und in den Tiefen des Pfälzerwalds (1985-heute).
- Wikipedia-Eintrag “Elwetritsch”, Abschnitt “Jagd”.
- Diverse Wanderführer des Pfälzerwald-Vereins mit Anmerkungen zur lokalen Folklore.