Die Jagdnacht: Meteorologische und lunare Voraussetzungen für die traditionelle Ritscherey

Wer meint, die Jagd auf die scheue und überaus schlaue Elwetritsch (Bestia palatinensis) sei ein Spaziergang, den man an jedem beliebigen Abend unternehmen könne, der irrt gewaltig. Die traditionelle Ritscherey, wie die Jagd im Volksmund genannt wird, ist eine Wissenschaft für sich, deren Erfolg maßgeblich von der Wahl der richtigen Nacht abhängt. Ein erfahrener Ritsche-Jäger, der “Ritscher”, verlässt sich nicht auf sein Glück, sondern auf jahrhundertealtes Wissen über die komplexen Zusammenhänge von Mondstand, Witterung und dem Verhalten unseres gefiederten Nationalheiligtums. Alla hopp, schauen wir uns das mal genauer an!

Der lunare Faktor: Im Dunkeln ist gut munkeln (und fangen)

Die oberste und unverrückbare Regel der erfolgreichen Ritscherey lautet: Je dunkler die Nacht, desto besser die Jagd. Der Mond ist hierbei der entscheidende Taktgeber.

Neumond: Die ideale Konstellation

Die besten Fangaussichten bestehen zweifellos in einer stockfinsteren Neumondnacht. Die Elwetritsch, ein Geschöpf der Dämmerung und der tiefen Schatten des Pfälzerwalds, ist von Natur aus lichtscheu. In der Dunkelheit eines Neumondes fühlt sie sich sicher und wagt sich zur Nahrungssuche weit aus ihren Tagesverstecken in Sandsteinfelsen oder unter den Wurzeln alter Keschdebäume hervor.

Diese Dunkelheit ist zudem die Grundvoraussetzung für die Wirksamkeit der wichtigsten Jagdwaffe: der Laterne. Die legendäre phototaktische Anziehungskraft der Karbidlampe auf die neugierige Tritsch kann sich nur bei maximalem Hell-Dunkel-Kontrast voll entfalten. Das flackernde, warme Licht wirkt in der tiefen Schwärze wie ein unwiderstehliches Versprechen auf Wärme oder seltene Leuchtinsekten und lockt die Elwetritsch kerzegrad auf den Sack des ahnungslosen Neulings zu, der als Sackhalter fungiert.

Vollmond: Ein klares “No-Go”

Eine Jagd bei Vollmond ist nicht nur aussichtslos, sie grenzt an Ignoranz gegenüber der ritschologischen Etikette. Das helle Mondlicht taucht den Wald und die Wingert in ein fahles Silber, was die Elwetritsche extrem misstrauisch macht. Sie verbleiben in ihren Verstecken, kommunizieren nur gedämpft und sind für die Lockrufe der Treiber (“Tritsch, Tritsch!”) unerreichbar. Jeder Versuch, sich anzupirschen, wird durch die eigene Silhouette, die lange Schatten wirft, vereitelt. Erfahrene Jäger nutzen Vollmondnächte daher höchstens zur Beobachtung von Nistplätzen aus sicherer Entfernung oder zur Kartierung von Laufwegen für zukünftige Exkursionen.

Meteorologische Prämissen: Das “richtisch guude Dritschwetter”

Neben dem Mond spielt das Wetter eine ebenso entscheidende Rolle. Der Pfälzer spricht vom “Dritschwetter”, einer ganz spezifischen Witterungslage, die eine erfolgreiche Jagd erst ermöglicht.

Windstille: Das A und O

Absolute Windstille ist unabdingbar. Dies hat drei wesentliche Gründe:

  1. Akustik: Die feinen Lockrufe der Treiber und das charakteristische Klappern der Holzklappern müssen klar und gerichtet zum vermuteten Aufenthaltsort der Tritsche getragen werden. Wind würde die Schallwellen unkontrolliert verwehen.
  2. Olfaktorik: Die Elwetritsch besitzt einen hervorragenden Geruchssinn. Wind würde die Witterung der Jägergruppe über weite Strecken verbreiten und die Tiere augenblicklich warnen.
  3. Lichtquelle: Die offene Flamme der traditionellen Laterne muss ruhig und stetig brennen. Windböen würden sie zum Flackern bringen oder gar löschen, was die magische Anziehungskraft zunichtemacht.

Temperatur und Feuchtigkeit: Nebel als Tarnkappe

Die ideale Jagdnacht ist kühl, aber nicht frostig. Temperaturen zwischen 5 und 12 Grad Celsius sind optimal. Ist es zu kalt, verharren die Elwetritsche eng aneinander gekuschelt in ihren Nestern zur kollektiven Thermoregulation. Ist es zu warm und schwül, sind sie träge.

Ein entscheidender Vorteil ist eine hohe Luftfeuchtigkeit, idealerweise ein leichter, aufziehender Bodennebel. Dieser “Pälzer Niwwel” ist der beste Freund des Ritschers:

  • Er dämpft die Geräusche der sich anschleichenden Jagdgesellschaft.
  • Er streut das Laternenlicht zu einem diffusen, noch hypnotischer wirkenden Schein.
  • Er bindet und neutralisiert menschliche Gerüche.
  • Der feuchte Boden verhindert das verräterische Knacken von trockenem Laub und Ästen unter den Füßen.

Luftdruck: Der barometrische Sensor der Tritsch

Die fortgeschrittene ritscho-zoologische Forschung hat gezeigt, dass die Elwetritsch über eine erstaunliche physiologische Anpassung verfügt. Es gilt als gesichert, dass sie dank ihrer Zirbeldrüse als hochempfindlichem Barosensor Schwankungen des Luftdrucks wahrnehmen kann. Ein schnell fallender Luftdruck, der ein nahendes Unwetter ankündigt, versetzt die Tiere in helle Aufregung und treibt sie in ihre sichersten Verstecke. Eine Jagd ist dann zwecklos. Die besten Bedingungen bietet daher ein stabiler oder nur sehr langsam fallender Luftdruck – ein Garant für ruhiges Wetter und entspannte, jagdbare Elwetritsche.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die perfekte Jagdnacht ist eine windstille, kühle und neblige Neumondnacht im Herbst, wenn der Luftdruck stabil ist. Nur wer diese Faktoren beachtet, hat eine reelle Chance, den Sack zu füllen – und wird nicht am Ende selbst zum “Gefoppten”, der mit seinem Sack allein im Wald zurückbleibt, während die Kameraden längst beim wohlverdienten Schoppen sitzen. Gell?


Quellen und weiterführende Literatur

  • Prof. Dr. rer. nat. h.c. Schorle, M.: Das Kompendium der angewandten Ritschologie, Neustadt a.d. Weinstraße, Eigenverlag der Elwetritsche-Akademie, 1998.
  • Wikipedia-Eintrag: “Elwetritsch”.
  • Wanderführer Pfälzerwald: Auf den Spuren eines Fabelwesens, Pfälzerwald-Verein e.V., 2011.