Der Sackspreiz-Kloben: Auswahl, Präparation und rituelle Bedeutung des Sperrholzes
In der hochkomplexen und traditionsreichen Disziplin der Elwetritscherey (Ritscherey) wird oft den spektakuläreren Aspekten, wie der Wahl der Jagdnacht oder der akustischen Koordination der Treiberkette, die größte Aufmerksamkeit zuteil. Doch wie jeder erfahrene Ritsche-Jäger weiß, liegt der Schlüssel zum (erhofften) Erfolg im Detail. Ein solches, oft sträflich vernachlässigtes Detail von immenser praktischer und ritueller Wichtigkeit ist der Sackspreiz-Kloben – jenes unscheinbare Stück Holz, das als Interface zwischen dem Fangsack und dem Waldboden dient und dessen primäre Funktion darin besteht, die Sacköffnung einladend und unmissverständlich für die anstürmende Tritsch offenzuhalten.
Dieser Artikel widmet sich der wissenschaftlichen und praxisorientierten Betrachtung dieses fundamentalen Instruments, dessen korrekte Auswahl und Präparation den Unterschied zwischen einer erfolgreichen Jagd und einer kalten, einsamen Nacht im Pfälzerwald ausmachen kann.
Materialkunde und Auswahl des Holzes
Die Wahl des richtigen Holzes für einen Sackspreiz-Kloben ist keine Trivialität, sondern eine Wissenschaft für sich, die Aspekte der Botanik, der Materialmechanik und nicht zuletzt der Esoterik vereint. Nicht jedes Gehölz ist geeignet, die subtilen Schwingungen des Waldbodens aufzunehmen und gleichzeitig der potenziell panischen Energie einer anstürmenden Elwetritsch-Rotte standzuhalten.
Primärhölzer
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Edelkastanie (Castanea sativa): Das Holz der “Keschde”, wie sie im Volksmund liebevoll genannt wird, gilt als das Nonplusultra für den ambitionierten Ritsche-Jäger. Es ist nicht nur ein Symbol des Pfälzerwaldes, sondern besitzt auch ideale Eigenschaften. Die hohe Konzentration an Gerbsäure (Tannin) macht es von Natur aus witterungsbeständig und resistent gegen Fäulnis – ein entscheidender Vorteil bei nächtlicher Bodenfeuchtigkeit. Zudem verfügt es über eine zähe, aber flexible Faserstruktur, die plötzliche Stöße absorbiert, ohne zu splittern. Ein Kloben aus dem Holz einer alten, knorrigen Kastanienallee gilt als besonders prestigeträchtig.
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Haselnuss (Corylus avellana): Der Haselstrauch liefert ein leichteres und biegsameres Holz. Kloben aus Hasel sind besonders bei Jungjägern und für die Jagd auf die agileren Wingertritsche beliebt. Dem Haselholz wird seit jeher eine gewisse magische Affinität nachgesagt; es soll die Elwetritsche nicht nur physisch, sondern auch auf einer subtileren, ätherischen Ebene “anlocken”. Seine Flexibilität verzeiht zudem kleinere Fehler bei der Positionierung des Sacks.
Sekundär- und Ritualhölzer
- Rebholz (Vitis vinifera): Ein Spreizkloben aus altem Rebholz, vorzugsweise von einer Riesling-Rebe, ist eine absolute Rarität. Das Holz ist extrem hart, spröde und schwer zu bearbeiten. Seine Verwendung ist rein ritueller Natur und bleibt den erfahrensten Jagdmeistern für besondere Anlässe (z.B. eine Jagd nach der Eisweinlese) vorbehalten. Man sagt, der im Holz gespeicherte “Geist des Weines” würde die Elwetritsche in einen Zustand wohliger Trance versetzen und sie direkt in den Sack taumeln lassen.
Ungeeignete Hölzer: Dringend abzuraten ist von Buche (zu spröde), Fichte (harzt und verklebt den Sack) oder gar exotischen Hölzern, deren Geruch die sensible olfaktorische Wahrnehmung der Elwetritsche irritieren und zur Flucht veranlassen würde.
Die Präparation des Klobens
Ein Sackspreiz-Kloben wird nicht einfach gefunden, er wird geschaffen. Der Prozess ist meditativ und erfordert Geduld und handwerkliches Geschick.
- Die Lese: Das ideale Aststück, eine natürliche Gabelung (“Zwiesel”), wird im Spätherbst nach dem Laubfall bei abnehmendem Mond gesammelt. Zu diesem Zeitpunkt ist der Saftfluss im Holz minimal, was die spätere Trocknung begünstigt.
- Die Trocknung: Das Holz muss langsam und natürlich an einem luftigen, aber nicht zu warmen Ort trocknen. Eine schnelle Trocknung im Backofen würde zu Rissen führen und die innere Struktur des Holzes zerstören. Die Nähe zu einem Kachelofen über den Winter gilt als ideal.
- Die Formgebung: Mit einem scharfen Messer (traditionell einem “Hippe”) werden die Enden angespitzt. Das untere Ende wird so geformt, dass es sich sicher im Waldboden verankern lässt. Das obere, gegabelte Ende erhält zwei präzise Kerben, in die der obere Saum des Ritschesacks eingelegt wird. Die Winkel dieser Kerben sind entscheidend für die optimale Öffnung des Sacks.
- Die Veredelung: Nach der groben Formgebung wird der Kloben mit Sandstein geglättet und anschließend mit einem Wollappen poliert.
Olfaktorische und rituelle Konditionierung
Der finale und wichtigste Schritt ist die Imprägnierung. Der fertige Kloben wird über Nacht in hochwertigen, pfälzischen Tresterbrand eingelegt. Dieser Prozess dient mehreren Zwecken:
- Konservierung: Der Alkohol desinfiziert das Holz und schützt es zusätzlich vor Schädlingen.
- Geruchliche Tarnung: Der intensive Duft des Tresters überdeckt den menschlichen Schweißgeruch am Holz.
- Anlockung: In der modernen Kryptozoologie wird postuliert, dass bestimmte Esterverbindungen im Tresterbrand als Pheromon-Analogon wirken. Diese olfaktorische Konditionierung soll die Elwetritsche beruhigen und ihre angeborene Neugier stimulieren.
Viele Jäger versehen ihren Kloben zudem mit persönlichen Schnitzereien – Initialen, das Datum der ersten Jagd oder Kerben für jede (vermeintlich) gesichtete Tritsch.
Rituelle Bedeutung und Handhabung
Der Sackspreiz-Kloben ist weit mehr als nur ein Werkzeug; er ist ein Zepter, ein Talisman und ein Symbol der Verantwortung. Er ist das primäre Instrument des Sackhalters, jener ehrenvollen, wenn auch oft undankbaren Position in der Jagdgesellschaft.
Das Überreichen eines alten, über Generationen vererbten Klobens an einen Novizen ist ein bedeutender Initiationsritus und ein Zeichen höchsten Vertrauens. Der Akt des Aufstellens, das “Spreizen”, erfolgt in konzentrierter Stille. Der Kloben wird so positioniert, dass die Sacköffnung exakt auf den erwarteten “Ritsche-Pass” ausgerichtet ist. Ein falsch gesetzter Kloben gilt als schlechtes Omen und kann nach Aberglauben der Älteren die gesamte Jagd zunichtemachen.
Nach der Jagd wird der Kloben sorgfältig von Erde und Laub gereinigt, getrocknet und an einem ehrenvollen Platz aufbewahrt – niemals wird er achtlos in eine Ecke geworfen. Er ist der stumme Zeuge unzähliger Geschichten, kalter Nächte und der ewigen, hoffnungsvollen Erwartung, die das Herz eines jeden wahren Pfälzer Heimatforschers und Jägers höherschlagen lässt. Alla hopp!
Quellen
- Wikipedia: Elwetritsch
- Dr. Schorle, W. (2019): Feldführer zur pälzischen Kryptornithologie, Band II: Ausrüstung und Brauchtum. Verlag der Elwetritsche-Akademie, Neustadt an der Weinstraße.
- Pfälzerwald-Verein e.V.: Wanderführer für Jäger und Sammler. Eigenverlag.