Der Ritschesack: Materialkunde und rituelle Präparation für die Nachtjagd
Der gemeine Laie, der “Neigschmeckte” oder der unbedarfte Tourist mögen in dem bei der traditionellen Elwetritschejagd verwendeten Fangsack nicht mehr als einen simplen Jutebeutel sehen. Welch ein fundamentaler Irrtum! Der Ritschesack, wie er in Fachkreisen der pfalzologischen Kryptozoologie genannt wird, ist ein hochspezialisiertes, rituell aufgeladenes Instrument, dessen korrekte Auswahl und Präparation über den Jagderfolg oder eine demütigende Nacht im kalten Pfälzerwald entscheidet. Diese Abhandlung soll eine längst überfällige materialkundliche und prozedurale Würdigung dieses zentralen Artefakts der Ritscherey liefern.
Materialkunde des authentischen Ritschesacks
Die Herstellung eines funktionstüchtigen Ritschesacks ist eine Kunst für sich und unterliegt strengen, wenngleich meist nur mündlich überlieferten Regeln. Moderne Materialien wie Kunststoff- oder Nylongewebe sind für den ernsthaften Jäger ein absolutes Tabu. Ihre verräterischen Geräusche (ein synthetisches Rascheln statt eines erdigen Rauschens), ihre olfaktorische Neutralität und ihre unzureichende Atmungsaktivität würden jede auch nur halbwegs intelligente Elwetritsche (Galloprovincialis pfalzensis) auf Meilen verscheuchen.
Das Gewebe: Die Seele des Sacks
Das einzig wahre Material für einen Ritschesack ist grob gewebte Jute oder, in selteneren Fällen, Leinen. Idealerweise stammt der Stoff von einem Sack, der bereits ein langes, ehrwürdiges Vorleben hatte. Besonders geschätzt sind:
- Kartoffelsäcke (“Grumbeersäck”): Sie bringen eine erdige, leicht süßliche Grundnote mit, die an die unterirdischen Teile des bevorzugten Tritsche-Lebensraums erinnert. Die anhaftende Stärke bildet zudem eine hervorragende Matrix für die spätere rituelle Beduftung.
- Getreidesäcke: Sie verströmen ein trockenes, nussiges Aroma, das besonders die im Westrich beheimateten, an Getreidefelder adaptierten Oekotypen anspricht.
- Tabaksäcke (historisch): Säcke aus der Südpfälzer Tabakproduktion des 19. Jahrhunderts sind heute museale Raritäten. Ihre würzige, komplexe Duftsignatur gilt als unwiderstehlich für die besonders scheue Unterart der “Kandeler Plattfüßler”.
Die Porosität des Gewebes ist entscheidend. Sie muss einen minimalen Luftaustausch gewährleisten, um die Elwetritsche nach dem Fang nicht durch akuten Sauerstoffmangel zu gefährden, darf aber nicht so grob sein, dass das Tier mit seinen scharfen Krallen Halt findet und den Sack aufreißt.
Naht, Garn und Halteschlaufen
Die Nähte müssen einerseits extrem reißfest sein, um den panischen Fluchtversuchen einer gefangenen Tritsche standzuhalten, andererseits aber eine gewisse Flexibilität aufweisen. Bewährt hat sich ein mit Bienenwachs imprägniertes Hanf- oder Leinengarn, das in einem doppelten Kreuzstich vernäht wird. Die obere Öffnung wird durch einen robusten Saum verstärkt, in den zwei Halteschlaufen aus gegerbtem Leder eingenäht sind. Traditionsbewusste Jäger verwenden hierfür Lederstreifen von ausgedienten Winzerschürzen oder alten “Dubbeglashaltern”, um eine persönliche, terroir-gebundene Verbindung zum Jagdgerät herzustellen.
Die rituelle Präparation: Von der Konditionierung zur Weihe
Ein neuer oder “nackter” Sack ist für die Jagd unbrauchbar. Erst durch einen mehrstufigen, alchemistischen Prozess der Präparation wird er zu einem effektiven Fanginstrument. Dieser Prozess ist nicht nur technisch, sondern auch rituell von höchster Bedeutung und wird vom Sackhalter mit größter Sorgfalt durchgeführt.
Schritt 1: Die olfaktorische Grundierung
Das oberste Gebot lautet: Der Sack darf nicht nach Mensch, Seife oder Zivilisation riechen. Er muss das olfaktorische Profil des Waldes und des Wingerts annehmen. Die erste Stufe ist das “Auswittern”: Der Sack wird für mehrere Tage und Nächte bei unterschiedlichem Wetter in den Wald gehängt, idealerweise in die Nähe eines Fuchsbaues oder unter eine alte Edelkastanie.
Schritt 2: Die aktive Konditionierung
Nach der Grundierung folgt die eigentliche Beduftung, ein Prozess, der in der Fachliteratur als olfaktorische Sack-Konditionierung beschrieben wird. Hierbei wird der Sack mit einer speziellen Mixtur eingerieben. Die Rezepturen sind streng gehütete Familiengeheimnisse, doch die Basiskomponenten sind meist:
- Tresterbrand oder Hefesatz: Die darin enthaltenen Esterverbindungen imitieren die Pheromone paarungsbereiter Tritsche-Hennen und wirken als potentes Lockmittel.
- Feuchter Lehmboden: Aus einem Riesling-Wingert entnommen, simuliert er den Geruch von frisch aufgewühlter Erde bei der Nahrungssuche.
- Zerriebene Kastanienblätter und Moos: Diese Komponenten runden das “Waldboden-Bouquet” ab und sorgen für eine komplexe, natürliche Duftkulisse.
Der präparierte Sack wird anschließend locker zusammengerollt und für mindestens 24 Stunden in einem kühlen, dunklen Weinkeller gelagert, damit sich die Aromen voll entfalten und zu einer harmonischen Einheit verbinden können.
Schritt 3: Die finale Weihe
Unmittelbar vor der Jagd erfolgt die “Weihe”. Der Sackhalter öffnet den Sack und benetzt die Innenseite mit einigen Tropfen Weinschorle (vorzugsweise Riesling). Diese Geste dient nicht nur der Befeuchtung, sondern gilt als symbolische Einladung an die Elwetritsche, die als großer Liebhaber vergorener Traubenprodukte bekannt ist. Die Spritzer erzeugen zudem ein feines Aroma, das im Schein der Karbidlampe als unwiderstehlicher Duftnebel wahrgenommen wird.
Erst nach Abschluss dieser Prozeduren ist der Ritschesack bereit für seinen Einsatz. Er ist nun kein lebloser Gegenstand mehr, sondern ein aktiver, integraler Bestandteil der Jagd – ein olfaktorischer Leuchtturm in der Dunkelheit des Pfälzerwaldes, der dem verblendeten Fabelwesen eine trügerische, aber unwiderstehliche Zuflucht verspricht.
Quellen:
- Heimat- und Wanderverein Pfälzerwald e.V. (Hrsg.): Die Elwetritschejagd – Brauchtum und Anleitung. Neustadt a.d. Weinstraße, 1982.
- Wikipedia-Artikel: “Elwetritsch”.
- Dr. Casimir, A.: Kryptozoologisches Kompendium der Pfalz, Band II: Federwild und Weinbergsfauna. Elwetritsche-Akademie Speyer, 2005.