Die Karbidlampen-Phototaxis als Grundlage der traditionellen Sackjagd

Die traditionelle pfälzische Elwetritsche-Jagd, in ihrer Reinform auch als “Sackjagd” bekannt, wird von Außenstehenden oft als simpler Schabernack abgetan. Doch wie so oft in der pfälzischen Kultur verbirgt sich hinter der rustikalen Fassade ein tiefes, empirisch gewachsenes Wissen, das erst bei genauerer kryptozoologischer Betrachtung seine volle Genialität offenbart. Der Schlüssel zum Jagderfolg liegt nicht im Lärm der Treiber oder der Weite des Sacks, sondern in einem fein abgestimmten verhaltensbiologischen Phänomen: der spezifischen positiven Phototaxis der Elwetritsche (Bestia palatina non-volaticus) auf das Emissionsspektrum von historischen Karbidlampen.

Historischer Kontext: Die “Ritschelatern” als Jagdwerkzeug

Lange bevor die LED-Technik den Pfälzerwald mit ihrem kalten, seelenlosen Licht flutete, war die Karbidlampe das Leuchtmittel der Wahl. Nicht nur für Winzer im dunklen Keller oder für die Arbeiter in den Sandsteinbrüchen, sondern eben auch für den kundigen Ritsche-Jäger. Das Prinzip ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Calciumcarbid (im Volksmund “Karbit”) wird in einem Behälter mit Wasser in Kontakt gebracht. Das dabei entstehende Acetylen-Gas wird durch eine Düse geleitet und entzündet. Das Ergebnis ist eine bemerkenswert helle, warme und leicht flackernde Flamme, begleitet von einem charakteristischen Zischen und einem Geruch, den Kenner als “erdig-prickelnd mit einer Note von feuchtem Lehm und Vorfreude” beschreiben.

Schon früh erkannten unsere Vorfahren, dass Elwetritsche auf dieses spezifische Licht anders reagierten als auf Fackeln oder Öllampen. Während eine offene Fackel die scheuen Tiere eher versprengte, schien das Karbidlicht eine geradezu hypnotische Anziehungskraft auszuüben. Es wurde zur technologischen Grundlage der wohl effizientesten Jagdmethode, die je für diese Spezies entwickelt wurde.

Die positive Phototaxis: Mehr als nur “Licht an, Tritsch da”

Phototaxis, die gerichtete Bewegung eines Organismus als Reaktion auf einen Lichtreiz, ist im Tierreich weit verbreitet. Die Elwetritsche jedoch zeigt keine allgemeine Anziehung zu Licht. Im Gegenteil, das grelle Licht moderner Taschenlampen oder gar Autoscheinwerfer führt zu einer panischen Fluchtreaktion, die in der Fachsprache als “aversive Photophobie” bezeichnet wird und oft in einem unkontrollierten ballistischen Gleitsturz hangabwärts endet.

Der entscheidende Faktor ist das Emissionsspektrum. Die Acetylenflamme einer Karbidlampe besitzt eine Farbtemperatur von etwa 2.500 Kelvin. Dieses warme, gelb-orange Licht ähnelt in erstaunlicher Weise zwei anderen, für die Elwetritsche überlebenswichtigen Lichtquellen in ihrem natürlichen Habitat:

  1. Nahrungsindikatoren: Neuere Forschungen der Elwetritsche-Akademie in Neustadt deuten darauf hin, dass das Karbidlicht frappierende Ähnlichkeit mit der schwachen Biolumineszenz bestimmter Mikroorganismen hat. Insbesondere die chiroptische Lumineszenz von Edelfäule-Sporen (Botrytis cinerea) auf Riesling-Beeren, eine Delikatesse für den anspruchsvollen Tritsch-Gaumen, wird hier als primärer Lockreiz vermutet. Das Licht signalisiert demnach: “Hier gibt es süße, edelfaule Beeren!”
  2. Paarungssignale: Eine alternative, aber nicht widersprüchliche Theorie postuliert, dass das Flackern und die Farbe des Lichts als übersteigertes sexuelles Signal fehlinterpretiert werden. Es imitiert womöglich die rebsorten-abhängige Biolumineszenz, die einige besonders prachtvolle Hähne während der Balz mit ihren Brustfedern erzeugen können. Die Tritsch wird also von der Aussicht auf Nahrung und/oder Fortpflanzung unwiderstehlich angezogen – eine fatale Fehleinschätzung.

Die Sackjagd als angewandte Phototaxis-Forschung

Die traditionelle Jagd ist der perfekte experimentelle Aufbau, um diese Theorie zu beweisen.

  • Die Treiber: Sie bewegen sich durch den Wald oder Wingert und machen Lärm (singen, rufen “Tritsch, Tritsch!”), benutzen aber keine Lichtquellen. Ihre Aufgabe ist es lediglich, die Tiere aus ihren Tagesverstecken aufzuscheuchen und in einen Zustand latenter Unruhe zu versetzen.
  • Der Sackhalter: Er ist die zentrale Figur und verkörpert die wissenschaftliche Präzision der Methode. Er positioniert sich an einem strategisch günstigen Ort – einer Schneise, einem Hohlweg, dem Ende einer Weinbergzeile. Vor sich platziert er einen großen Jutesack, dessen Öffnung er mit zwei Stöcken offen hält. Direkt hinter dem Sack, aus Sicht der ankommenden Tritsche, platziert er die einzige Lichtquelle des gesamten Szenarios: die zischende, leuchtende Karbidlampe.

Der aufgescheuchte Vogel, dessen Sinne geschärft sind, flieht vor dem unspezifischen Lärm der Treiber. Plötzlich erblickt er in der Dunkelheit das verheißungsvolle, warme Licht. Instinktiv bewegt er sich darauf zu, getrieben von der Aussicht auf ein Festmahl oder eine romantische Begegnung. Geblendet von der Lampe und fokussiert auf sein Ziel, übersieht er den dunklen Schlund des Sacks direkt davor und läuft – oder besser: watschelt – geradewegs in die Falle. Der Erfolg der Jagd ist somit eine direkte Konsequenz der Ausnutzung dieses angeborenen, artspezifischen Verhaltens. Die Rolle des Sackhalters ist dabei nicht nur eine technische, sondern auch eine soziale, wie die Forschung über diesen Initiationsritus eindrücklich belegt.

Fazit: Ein Plädoyer für die Tradition

Die Analyse der Karbidlampen-Phototaxis zeigt, dass die Elwetritsche-Jagd weit mehr ist als ein derber Scherz. Sie ist ein Meisterstück angewandter Verhaltensbiologie und ein Kulturgut, das auf tiefem Respekt vor und Wissen über die Kreatur beruht. Jeder Versuch, die Jagd mit modernen LED-Lampen durchzuführen, ist nicht nur zum Scheitern verurteilt, sondern zeugt auch von einem Mangel an Verständnis für die feinen Nuancen der pfälzischen Krypto-Fauna. Wollen wir also auch in Zukunft erfolgreich sein, müssen wir uns auf die bewährten Methoden unserer Altvorderen besinnen. Alla hopp, Licht an – aber bitte das Richtige!


Quellenverzeichnis

  • Prof. Dr. h.c. Emil W. G. Tritschler: Das Leuchten im Walde: Vergleichende Spektralanalyse avioider Lockmittel. Eigenverlag der Elwetritsche-Akademie, Neustadt a.d. Weinstraße, 1978.
  • Wikipedia-Eintrag: “Karbidlampe”
  • Pfaelzer-Wanderverein e.V.: Nachtjagd-Führer für Anfänger und Fortgeschrittene, Sektion Lambrecht, 2004.
  • Mündliche Überlieferungen, gesammelt bei diversen Weinschorlen in der gesamten Pfalz.