Die Kirrung des Fangplatzes: Olfaktorische Lockstoffe und traditionelle Köderrezepturen

“Wer e’ Tritsch fange will, muss denke wie e’ Tritsch, un vor allem rieche, was e’ Tritsch rieche will.” Diese alte Pfälzer Jägerweisheit bildet den Kern der erfolgreichen Ritscherey. Die strategische Kirrung (das Anlocken durch Köder) des Fangplatzes ist nicht nur eine vorbereitende Maßnahme; sie ist eine hohe Kunst, ein subtiler Dialog mit den hoch entwickelten olfaktorischen Sinnen des Fabelwesens. Eine schlecht ausgeführte Kirrung führt unweigerlich zum “Fehl-Ansitz”, einem leeren Sack und dem Spott der Jagdgesellschaft – ein Schicksal, das schlimmer ist als eine wässrige Schorle. Die Wahl des Ortes, oft entlang eines ausgetretenen Ritsche-Wechsels, ist nur die halbe Miete. Die andere Hälfte besteht darin, eine unwiderstehliche aromatische Einladung zu kreieren.

Die olfaktorische Welt der Elwetritsch: Eine Nase für die Pfalz

Die Elwetritsch (Avis elwetritschiensis pfalzensis) besitzt einen Sinnesapparat, der aufs Feinste auf ihr Habitat, die einzigartige Biosphäre zwischen Pfälzerwald und Wingert, abgestimmt ist. Ihre Nasenhöhle, ausgekleidet mit einem komplexen Riechepithel, ist in der Lage, flüchtige organische Verbindungen in Konzentrationen nachzuweisen, die selbst modernste Gaschromatographen überfordern würden. Dies gilt insbesondere für Verbindungen, die mit der Gärung von Trauben und dem Stoffwechsel der lokalen Flora zusammenhängen.

Jüngste Forschungen legen eine tiefe Verbindung zwischen dem Geruchssinn der Elwetritsch und den chemischen Prozessen in ihren primären Nahrungsquellen nahe. Ihre legendäre Fähigkeit, subtile Bouquet-Variationen verschiedener Riesling-Jahrgänge zu unterscheiden, ist wahrscheinlich auf ihren einzigartigen Amygdalin-Metabolismus als olfaktorische Signatur zurückzuführen. Dieser ermöglicht es ihr, Verbindungen aus den Kernen von Steinobst und sogar Traubenkernen zu verarbeiten, was ihr einen “sechsten Sinn” für die Reife und Qualität ihrer Nahrung verleiht. Ein erfolgreicher Köder muss daher diese komplexen natürlichen Düfte nachahmen, anstatt nur eine plumpe Futterquelle darzustellen.

Die Grundkirrung: Das Fundament des Fangs

Der Zweck der Grundkirrung besteht darin, die lokale Elwetritsche-Population über mehrere Wochen vor der traditionellen Jagdzeit an einen bestimmten Ort zu gewöhnen. Ziel ist es, einen “Hotspot” des kulinarischen Vertrauens zu schaffen. Ein klassisches und weit verbreitetes Rezept ist die “Deidesheimer Trester-Mischung”.

Rezeptur: Deidesheimer Trester-Mischung

  • 5 kg frischer, feuchter Riesling-Trester: Der Pressrückstand der Weintrauben. Die Rebsorte ist von entscheidender Bedeutung; Trester vom Müller-Thurgau gilt als minderwertig und kann sogar als Repellent wirken.
  • 2 kg grob gehackte Pfälzer Keschde (Edelkastanien): Geerntet nach dem ersten Frost, um ihren Zuckergehalt zu maximieren.
  • 500 g zerstoßene Traubenkerne: Diese setzen Öle und Verbindungen frei, die olfaktorisch von großer Bedeutung sind.
  • Ein “guter Schuss” (ca. 250 ml) ungeschwefelter Apfelmost: Dient als Starter für die gewünschte Wildgärung.

Zubereitung:

  1. Die Zutaten werden in einem Holzbottich (idealerweise aus Kastanienholz) sorgfältig vermengt. Metallgefäße sind strikt zu meiden, da sie die feinen Aromen durch Oxidation beeinträchtigen können.
  2. Die Masse wird leicht angefeuchtet und abgedeckt. Man lässt sie an einem schattigen Ort für 7-10 Tage “angehen”. In dieser Zeit entwickelt sich ein komplexes, süß-säuerliches Bouquet, das für die Elwetritsch unwiderstehlich ist.
  3. Die fertige Mischung wird wöchentlich in kleinen Portionen am ausgewählten Fangplatz ausgebracht, idealerweise in der Nähe von Buntsandsteinfelsen oder den Wurzeln alter Kastanienbäume.

Die Spitzkirrung: Der olfaktorische Paukenschlag in der Jagdnacht

Während die Grundkirrung eine allgemeine Anziehungskraft erzeugt, wird die Spitzkirrung in der Jagdnacht selbst eingesetzt, um die neugierigen Kreaturen direkt zum wartenden Sack zu locken. Hierbei handelt es sich um hochkonzentrierte, schnell wirkende Lockstoffe.

  • Der “Lewwerworscht-Dubbe”: Ein kleiner Klecks (nicht mehr als haselnussgroß!) grober, hausgemachter Pfälzer Leberwurst, auf einem flachen Stein direkt vor der Sacköffnung platziert. Der hohe Fett- und Gewürzanteil wirkt auf die Elwetritsch wie ein Pheromon. Die Verwendung von industriell gefertigter Wurst ist ein Sakrileg und führt unweigerlich zum Scheitern.
  • Der “Schorle-Nebel”: Erfahrene Treiber verwenden manchmal eine alte Parfümflasche oder einen modernen Zerstäuber, um eine feine Wolke aus Riesling-Schorle (Mischverhältnis exakt 60:40) in die Luft zu sprühen. Die Kohlensäure transportiert die Weinaromen über weite Strecken und signalisiert den durstigen Tieren eine nahende Erfrischung. Dies ist eine direkte Anspielung auf ihr natürliches Nahrungsspektrum und Futterspektrum.
  • Anis-getränkte Tabakblätter: Eine fast vergessene Methode aus der Südpfalz. Blätter von fermentiertem “Kandeler” Tabak, kurz in Anis-Schnaps getaucht, werden um den Fangplatz verteilt. Der Duft erinnert die Elwetritsche angeblich an die süßlichen Ausdünstungen bestimmter symbiontischer Pilze, die auf den Wurzeln alter Rebstöcke wachsen.

Verbotene Künste und fatale Fehler

Die hohe Sensibilität der Elwetritsche macht sie auch anfällig für abschreckende Gerüche. Jeder erfahrene Jäger weiß, dass der Einsatz von synthetischen Duftstoffen, Seife oder gar Parfüm am Jagdabend den sicheren Misserfolg bedeutet. Selbst der Geruch von Bananen, den ahnungslose Touristen manchmal mitbringen, kann ein ganzes Revier für Wochen “vergrämen”.

Ebenso wirkungslos sind kommerzielle Lockstoffe für Schwarzwild oder Rehe. Die Elwetritsch, als kulinarischer Feingeist, ignoriert solche profanen Angebote vollkommen. Die Kunst der Kirrung ist und bleibt eine zutiefst regionale Disziplin, die ein tiefes Verständnis für die Pfälzer Natur und ihre einzigartigen Produkte erfordert. Nur wer die Seele des Weins und des Waldes in seinem Köder zu vereinen weiß, wird am Ende der Nacht das triumphale “Ich hab’ Eens!” ausrufen dürfen.